Anne Köhler: “Nicht aus der Welt” – Auszeit vom Leben

Hempel hat es nicht leicht: Sein Nachname sorgt immer wieder für ungewollte Komik, aber sein Vorname ist noch schlimmer. Der junge Mann studierte jahrelang ziellos, ohne Ehrgeiz und Ausdauer. Als ihn seine tatkräftige Freundin Elfie fragt, was sein größter Traum sei, belügt er sie, dass er den New York City Marathon laufen möchte. Blöd nur, dass er tatsächlich bestätigt wird und plötzlich mit seinem Gepäck am Flughafen steht und ziemlich verzweifelt ist.

Opfer von Hotelgästen

Der Ausweg kommt in Form eines Flughafenbeamten, der ihn beiseite winkt und ihn zu einem geheimen Hotel in Berlin führt. Dieses Hotel ist das Projekt des zurückgezogen lebenden Architekten Valentino, der den Menschen die Möglichkeit geben möchte, für eine Weile zu entfliehen und wieder zu sich selbst zu finden. Hier landete auch Friderike, eine Dozentin, deren Karriere aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft beendet wurde und die von der Mutterschaft überwältigt ist. So auch Linda, die schwindelfrei ist und sich nur auf den Balkon traut, weil sie von dort Valentin heimlich in seiner Wohnung beobachten kann.

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Ausgehend von diesen angeschlagenen Charakteren zielt Anne Köhler auf die Ansprüche und Überforderungen der Gegenwart. Es geht um komplizierte Mutter-Sohn-Beziehungen (sowohl Hempel als auch Valentin leiden unter ihrer tatkräftigen Mutter) und Erwartungen, die der Einzelne nicht erfüllen kann (Trotz aller Bemühungen verspürt Friederike einfach nicht die allgemein angenommene Freude am Muttersein).

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Wischen Sie in den sozialen Medien

Immer wieder greift Anne Köhler eine Gesellschaft an, die Frauen mit Kinderwagen das Rauchen verbietet, aber väterliche Hingabe zelebriert, wenn sich Männer mit Babys im Arm auf ein Bier treffen. Oder er kritisiert Selbstdarsteller in sozialen Netzwerken, die anderen ein perfektes Leben vorspielen: „Alles war eine Ablenkung und eine Täuschung, die Folge fehlenden Selbstbewusstseins. Minderwertigkeitskomplexe und Profilneurose mussten irgendwie kompensiert werden.”

All das verpackt Köhler in einen völlig lächerlichen Plot, etwa wenn Hempel, der eigentlich nicht als Hotelgast aufgeführt ist, mit Linda und Friederike in Valentinos Auto entkommt, was eine wilde Verfolgungsjagd durch Brandenburg einleitet.

Ein schneller Roman mit Witz

Der Roman kann nicht ganz überzeugen. Zu stereotyp wirken die Probleme der Charaktere, zu vorhersehbar die Wendungen, zu unglaubwürdig die Handlung: Kann man die Existenz eines Hotels mitten in Berlin wirklich jahrelang verheimlichen?

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Dennoch gelingt es dem Autor, ein interessantes Ambiente zu schaffen – das Gebäude ist ein Labyrinth aus Gängen und Nischen, die die Gäste bewusst zu verwirren scheinen –, einen netten, leichten Erzählton und eine magische Levitation: Ist das Hotel nicht wirklich von dieser Welt? Und so ist „Nicht von dieser Welt“ ein Roman mit einigen Tugenden und Schwächen, die er mit viel Humor und Tempo wieder wettmacht. Das wird Sie als Leser unterhalten.

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