Anuk Arudpragasam: „Nach Norden“ – Entdeckungsgsreise und Sinnsuche in Sri Lanka

Krishan, Anfang 30, steigt in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, in einen Zug. Außer Bargeld hat er nicht viel bei sich. Seine Reise führt ihn weit in den Norden, vorbei an Großstädten und abgelegenen Orten.

Seine Mission: bei der Beerdigung von Rani, der ehemaligen Krankenschwester seiner Appamma (Großmutter) fahren. Das Geld in seiner Tasche stammt ebenfalls von seiner Großmutter. Sie selbst ist zu schwach, um sich auf eine mehrtägige Reise zu begeben. Er sollte es Ranis Tochter als Begräbnisspende übergeben.

Alpträume des Bürgerkriegs

Krishan erinnert sich langsam daran, wie er vor ein paar Monaten mit Rani unter dem Dach seiner Großmutter und seiner Mutter in Colombo gelebt hat. Wie Rani nachts auf dem Boden liegend mit seinem stummen Appam im Gemeinschaftsraum fernsah, während Oma schon schlief, ihre nächtlichen Schreie, der Ausdruck ihrer qualvollen Alpträume.

Ranas Söhne starben im Bürgerkrieg, sie selbst litt an Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Je länger die Reise, desto mehr denkt Krishan über die sichtbaren und psychologischen Spuren nach, die der Krieg hinterlassen hat: „Die meisten von ihnen waren Menschen, die im Krieg alles verloren haben, Menschen, die, auch wenn sie nicht interniert waren, gefoltert oder vergewaltigt wurden. […]aber er sah ein unvorstellbares Maß an Gewalt.“

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Apathisch gegenüber Gewalt

Der Grund, warum Krishan nach seinem Studium in Delhi in seine Heimatstadt zurückkehrte, um in einer NGO zu arbeiten, war die Trennung von seiner Ex-Freundin Anjum, einer queer-feministischen Aktivistin aus Indien.

Krishan selbst fühlt sich wenig betroffen von dem Krieg, der vor allem im Norden des Landes stattgefunden hat, nicht aber im Westen Colombos, obwohl es landesweit Anschläge gegeben hat. Auch einer seiner Väter starb.

Krishan erwähnt es nur am Rande und deutet einen anderen Konflikt an: seine Gleichgültigkeit gegenüber der Gewalt und den Ereignissen, die sein Land seit Jahren prägen und deren Folgen ihn noch immer umgeben.

Diese Taubheit entspricht diesem passiven Charakter. Krishan ist ein Suchender, der Jahre später immer noch an seiner zerbrochenen Beziehung zu Anjum festhält, als hätte er keinen anderen Halt, nichts Wichtiges in seinem Leben.

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an die Reise denken

Auf der Reise selbst wird er zum Entdecker, er beginnt über Zusammenhänge nachzudenken, über die jüngere und alte Geschichte Sri Lankas, stellt Verbindungen zum Buddhismus her, denkt über lange prophetische Gedichte nach, sowie über die tamilische Separatistenbewegung „Tiger“ und zwei weibliche Soldaten, die dem Selbstmordkommando der Schwarzen Tiger angehörten, die für die tamilische Unabhängigkeit des Landes kämpfen. In all dem versucht er, den Sinn des Lebens und der Brutalität selbst zu finden.

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Diese Anekdoten und Geschichten werden gekonnt miteinander verwoben: Durch die Augen von Reisenden wird der Leser an die Hand genommen und entdeckt wie Krishan ein Land und eine Kultur, die in Deutschland wenig Beachtung findet. Auffallend ist, dass Männer eine untergeordnete Rolle spielen. Krishans Geschichten handeln hauptsächlich von Freundschaft, queerem Leben und engen Beziehungen zwischen Frauen.

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Tiefer Einblick in die Charaktere

Es ist der zweite Roman des dreißigjährigen Autors Anuk Arudpragasam, der für seinen Debütroman The Story of a Short Marriage über den Bürgerkrieg in Sri Lanka für den Booker Prize nominiert wurde.

Auch in „To the North“ gelingt es dem tamilischen Autor, die Unausweichlichkeit des Krieges und seine äußeren Folgen für Sri Lanka und die Tamilen zu veranschaulichen. Er geht tief in die menschliche Psyche und zeigt, was Traumata, tiefe Überzeugung und nicht zuletzt Liebe verursacht.

Sie kommen Ihrem Protagonisten ganz nah, dessen Ideenwelt so groß und komplex ist wie das Land, das er durchreist.

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