Immunschwäche nach Coronainfektion: was die Wissenschaft sagt

Die Frage, ob eine oder mehrere Corona-Infektionen das Immunsystem nachhaltig auslaugen, beschäftigt Betroffene und Experten seit Monaten. Hat der deutsche Gesundheitsminister also recht, wenn er vor Immunschwäche warnt?

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Was das Coronavirus mit unserem Immunsystem macht, ist noch nicht vollständig geklärt.

Was das Coronavirus mit unserem Immunsystem macht, ist noch nicht vollständig geklärt.

Gaëtan Bally / Keystone

Wiederholte Corona-Infektionen könnten zu einer dauerhaften Immunschwäche führen, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Wochenende in einem Zeitungsinterview. Das nährt Ängste. Und es scheint die Erfahrungen vieler Menschen zu bestätigen. Viele berichten von einem Herbst mit drei Erkältungen in Folge, einem mehrwöchigen Pilzbefall oder einer ungewöhnlich schweren Form von Scharlach. Doch gibt es wissenschaftliche Beweise dafür, dass eine oder mehrere Corona-Infektionen unser Immunsystem wochenlang schwächen?

Mangel an funktionierenden Immunzellen?

In den letzten Monaten wurden tatsächlich etliche Studien veröffentlicht, die zeigen, dass verschiedene Abwehreinheiten unseres Immunsystems nach einer Corona-Infektion durcheinander gebracht werden können. Wie Krieger nach einer Schlacht sind sie wochenlang erschöpft und funktionieren nicht wie gewohnt. Dies betrifft sowohl Immunzellen, die auf bestimmte Krankheitserreger reagieren, als auch solche, die wahllos alles angreifen, was fremd erscheint. Diese Studien haben immer wieder Debatten ausgelöst.

Manchen Forschern genügen die Erkenntnisse, um zu sagen: Ja, eine Corona-Infektion führt zu einem Mangel an Immunzellen oder zumindest zu einem Mangel an den am besten geeigneten Immunzellen. Und mehrere Koronarinfektionen hintereinander können so zu einer dauerhaften Immunschwäche führen.

Eine Ursache für diese Defizite in unserer antipathogenen Armee ist, dass das Coronavirus verschiedene Immunzellen angreifen kann. Das zeigte eine chinesische Forschungsgruppe. Die Forscher vermuten, dass dadurch die vom Virus gekaperten Immunzellen geschädigt werden könnten. Allerdings könne sich Sars-CoV-2 nicht in Immunzellen vermehren, sagt der Immunologe Christian Münz von der Universität Zürich. Es entstehen also keine Langzeitschäden.

Keine dauerhafte Unterdrückung von Immunzellen

Andere Einwände bestehen gegen die These einer persistierenden Immunschwäche. Erstens stammen einige der veröffentlichten Beweise für Anomalien in Immunzellen ausschließlich aus Zellkulturstudien. Es ist nicht sicher, dass im Körper alles gleich abläuft. Zweitens wurden viele dieser Erkenntnisse in Studien mit sehr kleinen Patientengruppen mit jeweils weniger als 100 oder sogar weniger als 50 Probanden gewonnen. Es ist also noch unklar, wie aussagekräftig die Daten wirklich sind. Es gebe keine Hinweise darauf, dass eine Corona-Infektion die Immunzellen dauerhaft unterdrücken könne, betont Urs Karrer, Infektiologe am Kantonsspital Winterthur.

Es könnte aber sein, dass manche Menschen nach einer Corona-Infektion tatsächlich länger anhaltende Immundefizite haben. Anzeichen einer Immunschwäche haben Wissenschaftler vor allem bei Patienten nach einer schweren Covid-19-Erkrankung und bei Menschen, die an Long Covid erkrankt sind, festgestellt. Menschen, die eine genetische Veranlagung für Störungen des Immunsystems haben, könnten nach einer Infektion ein erhöhtes Risiko für eine Immunschwäche haben. Denkbar ist auch, dass das Immunsystem von Menschen mit Vorerkrankungen durch die Corona-Infektion ständig angeschlagen ist. Allerdings ist noch unklar, welche Vorerkrankungen ein Risiko darstellen könnten.

Um wirklich sagen zu können, dass eine oder mehrere Koronarinfektionen das Immunsystem nachhaltig schwächen, müssten die Immunzellen einer großen Zahl Genesener über einen Zeitraum von Wochen eingehend untersucht werden. Gleichzeitig soll erfasst werden, welche Infektionskrankheiten die Menschen in den Wochen und Monaten nach der Corona-Infektion hatten.

Vielleicht ist unser Immungedächtnis etwas geschwächt

Dass viele von uns in den letzten Monaten diverse und unterschiedliche Infektionen durchmachen mussten, liegt meist nicht an einer allgemeinen Immunschwäche, sagen die Experten. Das liegt daran, dass unser Immungedächtnis während der Pandemiejahre aufgrund des Fehlens von Infektionen abgenommen hat. Unsere Abwehrzellen sind daher nicht mehr in der Lage, alte Bekannte wie Erkältungsviren oder Bakterien so effektiv zu bekämpfen wie noch vor vier Jahren.

Ein weiteres Argument gegen eine generelle Immunschwäche ist, dass die zweite Corona-Infektion in den meisten Fällen harmloser oder zumindest nicht schlimmer verläuft als die erste. Lauterbachs Aussage ist daher problematisch. Denn es fehlen handfeste wissenschaftliche Belege dafür, dass viele Menschen nach einer Corona-Infektion eine dauerhafte und vor allem schwere Immunschwäche entwickeln. Wissenschaftler müssen Hypothesen formulieren und diese dann auf Herz und Nieren prüfen. Aber ein Gesundheitsminister sollte Debatten und Konsultationen nicht in schnelle Warnungen verwandeln.



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