Innenstädte: Was tun gegen die Verödung? | Deutschland | DW

„Zu vermieten. Provisionsfrei“ steht an den Schaufenstern mehrerer Geschäfte in der Kaiserpassage, einer glasüberdachten Einkaufsmeile in der Bonner Innenstadt. Fast gespenstisch leer ist es in den grau gekachelten, lichtdurchfluteten Fluren. Hier, wo früher lebhafte Geschäfte waren, zieht es kaum einen Passanten.

“Von der Fußgängerzone kommt niemand vorbei”, sagt Torger Brunken, dessen Geschäft Cigar Embassy einer der wenigen Überlebenden ist. Auf zwei Etagen bietet es Kisten mit Tabakwaren, die auch vor Ort auf grünen Liegen angezündet werden können. Brunken sagt der DW, dass die Pandemie und die steigenden Preise für seine Nachbarn, vor allem aber für die vielen Online-Shops fatal seien.

„Der Einzelhandel hat Probleme, es sei denn, man findet eine echte Nische und bietet guten Service“, sagt Brunken. „Gegenüber ist ein Kinderschuhgeschäft, das läuft sehr gut. Ich verkaufe nur Zigarren, keine Pfeifen, Wasserpfeifen oder Lottoscheine. Schließlich kann man online keine Zigarre riechen.

Torgen Brunken, Besitzer eines Zigarrenladens, ist in seinem Geschäft

Brunken: “Finden Sie eine echte Nische”

Angst vor „weiterer Wüstenbildung“

Deutsche Innenstädte stehen Experten zufolge in einem schlechten Zustand – wenn sie nur als Shoppingmeilen gedacht sind. Die Münchner Kaufingerstraße oder die Frankfurter Zeil werden wohl überleben. Solche Straßen in Metropolen gelten als Touristenmagneten und zählen zehn- bis fünfzehntausend Passanten pro Stunde. Handelsrouten in kleineren Städten im Landesinneren haben dagegen Probleme.

Viele deutsche Städte scheuen sich davor, Filialen von Galeria Kaufhof zu halten oder aufzukaufen. Der einstige Gigant unter den Warenhausketten hat kürzlich erneut Insolvenz angemeldet und plant, ein Drittel bis die Hälfte seiner 131 Filialen zu schließen. Ohne solche großen Anker, die Menschen in die Zentren locken, drohe vielen Innenstädten eine “weitere Wüstenbildung”, so der Deutsche Städtetag.

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Buero.de, ein Online-Händler für Bürobedarf, hat inzwischen Interesse an 47 Karstadt-Warenhäusern und ihren Mitarbeitern bekundet. Doch Experten bezweifeln, dass die Rettung der großen Kaufhäuser den Niedergang der Innenstädte stoppen wird.

„Man versucht immer, die Schließung von Kaufhäusern hinauszuzögern und den Status quo zu erhalten. Und doch sind die großen Kaufhäuser seit Jahrzehnten überholt“, sagt Marion Klemme, Leiterin des Bereichs Stadtentwicklung bei der Bundesanstalt für Bauen, Stadt und Ländlichen Raum Forschung, Entwicklung (BBSR). “Die Leute werden traurig, wenn ein Kaufhaus schließt. Aber dort kauft man selten ein, vielleicht ein Paar Socken im Jahr.”

Wenn Klemme in Fernsehberichten spricht, fährt sie manchmal mit Kamerateams nach Troisdorf. Die knapp 75.000-Einwohner-Stadt nahe Bonn bietet eine beeindruckende Kulisse: “Die Innenstadt war einmal riesig. Heute ist sie leer. Sie ist nur noch menschenleer”, sagt Klemme der DW.

Fast völlig leere Einkaufsstraße in Troisdorf

„Einfach trostlos“: Leere Plätze im Zentrum von Troidsorf

Krisen als Katalysator

Solche Innenstädte sind für viele Einzelhändler ein Schreckgespenst. Laut einer aktuellen Umfrage des EHI Retail Institute in Köln glauben 27 Prozent der Einzelhändler, dass Spitzenlagen in Großstädten an Bedeutung verlieren. Bei den Innenstädten kleinerer Städte sehen 30 Prozent der Händler schwarz. Und zwei Drittel nennen Einkaufszentren als Verlierer.

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Ein sicherer Hafen sind laut dieser Recherche nur die sogenannten Fachmarktzentren, also jene großen Geschäfte, die etwas abseits liegen, aber eine große Vielfalt und niedrige Preise bieten.

Der Grund liegt auf der Hand: Im vergangenen Jahr hat der Online- und Versandhandel in Deutschland die magische Schwelle von 100 Milliarden Euro überschritten. Ein Plus von 19 Prozent.

„Coronavirus inklusive Lockdown und jetzt Inflation und Energiekrise haben den Wandel, der schon länger andauert, aber jetzt durch das Medieninteresse immer sichtbarer wird, nur beschleunigt“, sagt Marion Klemme. „Man kann online individueller und bunter einkaufen. Der traditionelle Einzelhandel hat also ein Problem, aber das muss in Innenstädten nicht zum Problem werden – es kann auch eine Chance sein.“

Diese Chance sieht auch Thomas Krüger, der in der Stadtplanung an der HafenCity Universität in Hamburg arbeitet. Innenstädte seien, so der Professor, seit Jahrzehnten keine Orte mehr für Menschen – sondern für Konsumenten.

“Sie sind globalisiert und langweilig, jeder Laden ist austauschbar geworden”, sagte Krüger der DW. „Manchmal darf man nur im Stehen etwas essen. Kinder sind dort gar nicht erlaubt, ebenso wenig ältere, junge oder andere Kulturkreise – nur der Konsument ist gefragt.“

Menschen auf der Zeil in Frankfurt - einer der belebtesten Einkaufsstraßen Deutschlands

Frankfurter Zeil – eine der belebtesten Straßen Deutschlands

Treffpunkte

In Gesprächen mit Experten taucht immer wieder der Begriff „Third Place“ auf, der den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg berühmt gemacht hat. In seinem Buch „The Great Good Place“ von 1989 betont Oldenburg die Bedeutung sozialer Treffpunkte: Cafés, Buchhandlungen und Friseursalons. Also jene Orte, an denen man sich spontan trifft und austauscht und die im Gegensatz zum eigenen Zuhause oder Arbeitsplatz „neutral“ sind.

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„Das sollte der Weg für europäische Innenstädte sein“, sagt Krüger. „Das sollten Orte sein, an denen man sich gerne mit Freunden trifft. Und nebenbei vielleicht noch etwas kauft.“

Marion Klemme vom BBSR spricht von „Angeboten ohne Konsum“ – Innenstädte müssen auch Menschen anziehen, die kein Geld zum Einkaufen haben. „Es muss mehr Platz für Kultur, Bildung, Spielplätze, Grünflächen geben, wo die Menschen sein wollen, auch wenn sie nur eine Kugel Eis kaufen.“

Die Menschen shoppen immer mehr gerne online und verbringen ansonsten viel Zeit in der digitalen Welt – aber Meetings brauchen sie trotzdem. „Und sie lieben ihre Innenstädte sehr. Stadtfeste sind immer gut besucht und das Markthallenkonzept geht wirklich auf“, sagt Klemme.

Auch wenn viele Bürgermeister besorgt sind – schließlich hängen viele Arbeitsplätze an konsumorientierten Innenstädten –, blicken viele Experten hoffnungsvoll in die Zukunft.

Dass es nur besser werden kann, ist auch Torger Brunken, der Zigarrenexperte aus Bonn, der Meinung. „Letztendlich brauchen wir nicht an jeder Ecke Handyläden. Ich hoffe auf pfiffige Ideen, mit denen sich der Weg in die Innenstadt für viele wirklich lohnt.“



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