Kinder-Leid in der Krise: „Junge Menschen haben besonders empfindliche Stressantennen“

MBundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) will mit dem „Bündnis für die junge Generation“ mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf die Einstellungen und Sorgen junger Menschen lenken. In den letzten Jahren haben sich junge Menschen zurückgezogen und solidarisch mit den Älteren gezeigt. Andererseits haben wir es versäumt, uns mit ihnen zu solidarisieren, sagte Paus bei der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung. Einer der 130 Erstunterzeichner ist Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin.

WELT: Herr Adli, was sind die Ziele des „Bündnisses für die junge Generation“?

Mazda Adli: Es geht darum, deutlich zu machen, dass die junge Generation jetzt viel zu ertragen hat. Die Abfolge von Krisen, die wir durchleben, lastet schwer auf den Schultern von Kindern, Jugendlichen und Jugendlichen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir ein solches Bündnis zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen erreichen.

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WELT: Im Text des Bündnisses heißt es: „Junge Menschen sind die Seismographen unserer Gesellschaft. Wir müssen mehr von ihnen hören.” Ace?

Zusätzlich: Besonderes Augenmerk auf das psychische Wohlbefinden junger Menschen. Denn es zeigt uns im Grunde sehr genau den Zustand der Gesellschaft als Ganzes. Geht es der jungen Generation nicht gut, geht es uns allen nicht gut. Und das ist keine Rhetorik. Wir haben in der Pandemie gesehen, dass die psychische Belastung durch Stress, Angst und vor allem Einsamkeit bei den Jungen stärker ausgeprägt ist als bei den Älteren. Das finden wir auch beim Klimawandel. Die Angst vor einer ungewissen Zukunft und dem Verlust eines gesunden Wohnraums ist bei jungen Menschen besonders ausgeprägt.

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WELT: Als Psychiater haben Sie ein scharfes Auge dafür, wie verwundbar junge Menschen sind. Welche Entwicklungen haben Sie in den letzten Jahren wahrgenommen?

Zusätzlich: Aus meiner Klinik kann ich berichten, dass der Anteil der jungen Patienten in den letzten zwei Jahren überproportional gewachsen ist. Heute haben wir hier deutlich mehr junge Menschen als vor der Pandemie. Wir sehen junge Menschen mit schweren Depressionen, schweren Lebenskrisen, aber auch mit anderen psychischen Erkrankungen, die besonders unter der Belastung der Pandemie ausgebrochen sind.

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WELT: Was gefährdet besonders die psychische Gesundheit junger Menschen?

Zusätzlich: Junge Menschen haben besonders empfindliche Antennen für Stress. Sie sind Umwelteinflüssen besonders ausgesetzt. Auch aus evolutionärer Sicht ist es sinnvoll, in diesem Entwicklungsstadium besonders sensibel auf Reize zu reagieren. Gleichzeitig wird dies aber auch zu einem Eintrittspunkt für Stress – gerade in globalen anhaltenden Krisensituationen wie der jetzigen. Hier können ältere Menschen an Resilienz gewinnen. Lebenserfahrung gibt dir ein dickeres Fell. Und als älterer Mensch haben Sie eher erlebt, dass die Krise vorübergeht.

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WELT: Bedeutet dies, dass nicht mehr nur die Folgen der Pandemie, sondern multiple Krisen junge Menschen treffen?

Zusätzlich: Der Dauerzustand der Krise betrifft uns alle. Wir alle erkennen, dass unsere emotionalen Ressourcen nach einer Pandemie, einem Krieg, wirtschaftlichen Sorgen und Bedenken hinsichtlich des Klimawandels erschöpft sind. Eine solche Krisenkette hat es noch nie gegeben. Und in jeder dieser Krisen ist die junge Generation besonders belastet, zeigen alle Studien. Beispielsweise fühlen sich 60 Prozent der 16- bis 25-Jährigen durch den Klimawandel extrem gestresst und empfinden Angst, Wut und Verzweiflung.

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WELT: War das schon immer so oder sind junge Menschen heute sensibler als früher?

Zusätzlich: Ich würde sagen, das war schon immer so. Junge Menschen haben empfindlichere Antennen – und für Stress.

WELT: Der offensichtlichste Ausdruck grassierender Klimaangst ist die Gruppe Last Generation. Glauben diese jungen Leute wirklich, dass die Welt nach ihnen untergeht?

Zusätzlich: Zumindest der Name ist bezeichnend. Ich unterstütze die Form dieses Protests nicht. Aber als Psychiater und Psychotherapeut verstehe ich die Angst dahinter. Als Psychiater besteht meine Aufgabe normalerweise darin, Angstzustände zu lindern. Beim Thema Klimawandel muss ich allerdings sagen, dass die Angst berechtigt ist. Das Problem liegt viel mehr in der Verdrängung. Angst ist auch stark genug ausgeprägt, um unser Zusammenleben und unseren sozialen Zusammenhalt zu verändern. Die Diskussion um die „letzte Generation“ zeigt dies nur allzu gut.

“Sieht aus, als hätten sie den Zaun durchgeschnitten”

Klimaextremisten versuchten, den Flugverkehr in München lahmzulegen. Sie haben den Zaun offenbar mit Bolzenschneidern durchtrennt, berichtet Reporter Florian Wolske. Eine ähnliche Aktion fand in Berlin statt.

Quelle: WELT | Marie Droste und Florian Wolske

WELT: Welchen Beitrag können Sie persönlich zum Bündnis leisten?

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Zusätzlich: Mir ist wichtig, dass wir die psychische Belastung junger Menschen berücksichtigen und thematisieren können. Dazu gehört auch die Aufklärung zum Umgang mit Stress, Ängsten oder Einsamkeit. Ich wünschte, die Pflege Ihrer Psyche würde so selbstverständlich werden wie das tägliche Zähneputzen.

WELT: Müssen wir uns bei jungen Menschen für die Fehler der Vergangenheit entschuldigen?

Zusätzlich: Ich weiß nicht, wie eine angemessene Entschuldigung aussehen könnte. Dafür sind wir alle zu involviert. Stattdessen ist Handeln gefragt: Ängste ernst nehmen, darüber sprechen, sie aus der Tabuzone holen. Handeln, Reden und Mitmachen schafft Vertrauen. Engagement ist ein sehr effektiver Umgang mit Ängsten, weil es das Selbstwirksamkeitsgefühl stärkt. Eine Situation, die außer Kontrolle zu sein scheint, wird wieder beherrschbar, wenn Sie Maßnahmen ergreifen.

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